08 / 03 / 22
LEUCHTSPUR. Der Blog von Stefanie Körber und Stefan Pott

Ein Schuss Zuversicht.

„Ich brauche keine Mitfahrgelegenheit. Ich brauche Munition.“

(Volodymyr Selenski, amtierender Präsident der Ukraine, auf das Angebot des U.S.-Außenministeriums, ihn außer Landes zu schaffen)

Es gehört zu den Grundsätzen dieses Blogs, daß es niemals um aktuelle Geschehnisse oder Politik geht. Zuwenig Licht, könnte man über diese Felder sagen, zuviel Schatten. Daran ist einiges wahr, aber es ist nicht das wahre Motiv – wir schreiben in diesem Blog deshalb nicht über Aktualitäten oder politische Ereignisse, weil sie im Grunde nichts Spannendes haben; sie sind vorhersehbar am Rande der Langeweile, weil sie kaum mehr sind als immergleiche Demonstrationen von Kleinheit und Enge, von Herzensferne und Mutlosigkeit.

Der Präsident der Ukraine, der seinen Mut und seine Standhaftigkeit womöglich mit dem Leben bezahlen wird, ist eine leuchtende Ausnahme von dieser Regel. Auch deshalb, weil hier buchstäblich live die Entwicklung einer Persönlichkeit zu beobachten ist. Selenski war Schauspieler und TV-Comedian, bevor er Staatsoberhaupt wurde, und es ist zu vermuten, dass er bis zum Einmarsch der russischen Armee selbst nicht wusste, wieviel Kraft in ihm steckt.

Das wissen wir wohl alle nicht – aber wir können es herausfinden, indem wir unsere Leben von Zeit zu Zeit erneuern. Wir können uns entwickeln, die Dinge neu denken, neu angehen, neu machen. Wir können jeden Tag damit anfangen, besser zu werden.

„Selbstverbesserung ist wichtiger als Weltverbesserung.“ hat die Designerin Vivienne Westwood dazu gesagt und diesen Satz einen wunderbaren Sommer lang auf jedes Kleid und jeden Mantel und jede Jacke ihrer Kollektionen nähen lassen.

Ja, das ist gut möglich – daß nämlich Selbstverbesserung der zentrale Schlüssel zur Weltverbesserung ist. Dann können wir uns alle Think Tanks, alle politischen Korrespondenten und alle politischen Studiengänge glatt sparen. Wir fangen bei uns persönlich an.

Gerne mit einem T-Shirt von Vivienne Westwood bewaffnet…


18 / 07 / 21
LEUCHTSPUR. Der Blog von Stefanie Körber und Stefan Pott

Die Tigerfalle.

(Die fabelhafte Fortsetzung der Geschichte von den Tigern und den Eisbären mitsamt einer wichtigen Erkenntnis)

Sie erinnern sich: Der Tiger ist in seiner Eisbären-Familie völlig fremd und überlegt mehr oder minder verzweifelt, was er tun soll, um endlich dazuzugehören, um sich endlich zuhause zu fühlen. Und da kommt ihm die Idee, sich in einen Eisbären zu verwandeln. Ein Tiger, der ein Eisbär wird? Unmöglich, werden Sie sagen, wie soll das gehen? Die Frage ist berechtigt. So richtig konnte sie auch unser Tiger nicht beantworten, weder sich noch anderen, aber er war entschlossen, es mit aller Kraft zu versuchen. Denn was war die Alternative? Alle konnten gut mit der Kälte, den Fischen und der Anpassung leben, nur er nicht. Also war ja wohl er das Problem, nicht wahr? Es bedeutete, dass er nicht in Ordnung war und das bedeutete, dass er sich anpassen musste.

Und das tat er.

Als erstes malte der Tiger sein Fell strahlend weiß an, er färbte jedes einzelne Haar mit dem Schneeweiss der Eisbären; dann gab er seinen majestätisch-schwebenden Gang auf und schlurfte wie die Eisbären von einer Seite zur anderen schwankend als Koloss durch den Schnee. Als nächstes sprang zu jeder Tages- und Nachtzeit in das eiskalte Wasser und krallte sich dort, Kabeljau, Dorsch, Heilbutt und Seehecht in rauen Mengen. Und er lernte Eisbärisch zu sprechen, jene Sprache, mit dem sich selbst ganz unbekannte Eisbären jederzeit und überall über alles verständigen konnten, als hätte sie bereits Jahre miteinander zu tun gehabt und Jahrzehnte genau über dieses oder jenes gesprochen, immer freundlich und dabei den Kopf wiegend.

Und er hielt sogar Winterschlaf, was wahrscheinlich das schwierigste überhaupt war. Denn Tiger halten keinen Winterschlaf, auch Tiger nicht, die ein Eisbär sein wollen und so lag der Tiger monatelang still in der dunklen Höhle, in der alle Eisbären röchelnd und schnarchend schliefen, mit dem kleinen Unterschied, dass der Tiger eben nicht schlief, sondern nur bewegungslos dalag und die Augen geschlossen hielt; die einzige Bewegung, die er zuließ, war das Rollen der Tränen, die er manchmal weinte. Sie schienen aus einer unendlich fernen, unendlich warmen Tiefe zu kommen, er konnte Tage vorher spüren, wenn sie sich sammelten und dann sozusagen auf den Weg machten und in ihm hochstiegen wie aus einer fernen Quelle und wenn sie dann gleichsam vom Weg erschöpft aus seinen Augen fielen und er ihnen nachsah, wie sie warm, erst über sein Gesicht und dann über seine gekreuzten Tatzen rollten, da meinte er manchmal einen dunkelgrünen Schimmer in ihnen glänzen zu sehen, so dunkelgrün wie der Dschungel sein musste, von dem er langsam die Vermutung hegte, dass er gar nicht irgendwo da draußen war, sondern in ihm, ganz tief in ihm, mitsamt dem rauschenden Bambus und den schreienden Vögeln und eben seinen Tränen.

Der Tiger wurde allerdings auch mit weissem Fell und Fischgräten im Hals und Winterschlaf nicht Teil seiner Familie, nicht einen Tag, nicht eine Schneeflocke und nicht eine Fischgräte lang. Und immer wenn er vor dieser Wahrheit stand, da wurde er still und stiller und ging der Welt auf seltsame Art verloren oder er schrie und tobte und brüllte und stand zähnefletschend vor seinen Eltern, welche die Welt und diesen Tiger schon gar nicht mehr verstanden und die ganze Sache zumeist mit einem Prankenhieb zu Ende brachten.

Und dann, eines Tages, passierte etwas sehr Seltsames: Am anderen Ende der Eisbärenwelt wurde noch ein Tiger geboren. Ganz eindeutig ein Tiger, mit bernsteinfarbenem Fell und schwarzen Streifen, einer Vorliebe für Wärme und einer kräftigen Abneigung für Fisch und mit Träumen über den Dschungel und Sehnsucht nach dem Geschrei der Vögel. Die Nachricht verbreitete sich und erreichte auch den Tiger, der in der Eisbärenfamilie lebte und damit änderte sich plötzlich alles. Die Geschichte kommt nun an ihr Ende. Aber weil dies eine fabelhafte Geschichte ist, kommt jetzt nicht nur ein Ende, sondern es kommen zwei; und jeder Leser und jede Leserin kann es sich fabelhafterweise aussuchen, wie es jetzt weitergeht:

Das erste Ende.

Als der Tiger von diesem anderen Wesen hörte, da erschrak er heftig, weil er in seinem innersten Inneren wusste, dass es ein Tiger wie er war. Und er wusste auch, dass dieser Tiger kommen, ihn suchen und als Tiger erkennen würde. Dann würde all sei Bemühen um Zugehörigkeit vergeblich gewesen sein, der fremde Tiger würde sein Tigerknurren hinter jedem seiner Worte Eisbärisch heraushören und er würde sich auch nicht von seinem weiß gefärbten Fell täuschen lassen – dann wäre alles verloren; dann wäre er niemals Teil dieser Familie, dann bekäme er niemals deren Anerkennung. Er wäre so allein wie zuvor.

Eines Tages kam der andere Tiger tatsächlich, weil er ja gehörte hatte, dass hier ein Tiger undsoweiter … da erblickte er überall nur Eisbären. Er schaute genau hin, um ganz sicher zu sein, und dann hörte er auch noch genau hin auf alles was zu hören war, aber das einzige Geräusch, das an sein Ohr klang, war das eines brechenden Herzens, denn dieser Tiger war eine Tigerin und sie hatte gehofft, dass hier der Tiger sein würde, nach dem sie sich gesehnt hatte, all die Ewigkeiten ihres Weges lang und auch noch die Ewigkeiten davor und so drehte sie sich nur wortlos um und machte sich auf den Weg zurück, woher sie gekommen und sie hätte nicht sagen können warum … aber mit jedem Schritt wurde es kälter und kälter…

Das zweite Ende.

Als der Tiger von diesem anderen Wesen hörte, befiel ihn eine nie gekannte Unruhe. Es war eine Unruhe, die jeden seiner Streifen zu durchziehen schien und gleichzeitig ein seltsames Gefühl von Wärme in ihm verbreitete. Er spürte, dass sein Frieden und seine Erlösung mit diesem anderen Wesen zu tun hatte und so brach er in der Mitte einer schlaflosen Nacht auf, um dieses andere Wesen zu suchen – wo immer es auch sein mochte. Bei jedem Schritt pochte sein Herz stärker und nachdem das Eisbärendorf hinter ihm verschwunden war, leitete ihn dieser Herzschlag wie ein Kompass durch die Schrecken von Schnee, Eis und Finsternis und als er endlich vor diesem anderen Wesen stand, da wusste er auch, warum sein Herz so kräftig geschlagen hatte – es war eine Tigerin.

Sie schaute ihn nur an, als er vor ihr stand und er schaute nur zurück und kein Wort fiel, kein einziges. Und plötzlich, auf einmal, gingen beide auf einen Punkt in der Ferne zu, den nur sie beide sehen konnten, geleitet von einem absolut gleichen Herzschlag … und mit jedem Schritt wurde es ihnen wärmer und wärmer…

(Für Tiger hängt wirklich alles davon ab, dass sie einen Tiger bzw. eine Tigerin finden. Wie das genau geht und wie diese beiden es dann schaffen, sich bei all ihren scharfen Krallen dennoch zu lieben und nicht mehr loszulassen: Im fabelhaften nächsten Blog.)