14 / 11 / 18
Leuchtspur. Der Blog von Stefanie Körber und Stefan Pott

Bitte warten.

Es ist einige Zeit vergangen seit dem letzten Blog, das stimmt. Man könnte sagen, dieser Blog hat auf sich warten lassen, und wenn wir etwas besser lügen könnten als wir es können, dann würden wir  jetzt schreiben, dass genau das auch unsere Absicht war – denn dieser Blog beschäftigt sich mit dem Thema Warten.

Es ist nicht sehr populär, das Warten. Niemand wartet gern und allgemein wird Wartezeit eindeutig als gestohlene Zeit gesehen, auf jeden Fall als vergeudete. Ganz selbstverständlich rasen wir Bahnsteige entlang und Straßenbahnen hinterher, weil wir nicht warten wollen. Auf einer Warteliste zu stehen ist bei genauer Betrachtung eine besonders üble Form der Ablehnung sowie des Scheiterns und die Warteschlange bringt mit lockerer Hand zwei biblische Plagen in einem Wort unter. Da ist das Weltgesetz der Warteschlange übrigens noch gar nicht berücksichtigt, demzufolge sich die vermeintlich kürzeste Warteschlange bzw. Staureihe verlässlich als die längste herausstellt, sobald wir drinstehen.

Der Fotograf Dieter Leistner fotografiert seit 40 Jahren Menschen an Haltestellen. Seine Bilder zeigen in ihrer tiefen Ruhe interessanterweise vor allem eins – Unruhe. Man sieht eindeutig unruhige Menschen, die sich  sichtlich nicht wohlfühlen, so wie sie da stehen, sitzen, schauen; wie sie eben: warten. Diese Bilder des Wartens zeigen auch, woher ihre Unruhe kommt und sie bilden damit den Grund für den schlechten Ruf des Wartens ab – wenn wir warten, sind wir mit uns allein. Und zwar plötzlich, ohne Vorwarnung und vollkommen unvorhergesehenermaßen.

Genau das ist die Schönheit des Wartens.

Warten ist Zeit, mit der wir nicht gerechnet haben, die auch nichts von uns verlangt und in der wir absolut nichts tun müssen. Es ist freie und verwendungsoffene Zeit. Für diese plötzlich auftauchenden Minuten und Stunden oder Tage ist keine Tätigkeit vorgesehen, wir könnnen tun und lassen, was wir wollen, sogar – nichts. Wir können die Augen schließen, den Blick nach oben lenken, unserem Atem zuhören, die Menschen um uns ansehen und versuchen, gar keinen Gedanken zu haben oder einen unerhörten, strahlenden, neuen. Wir können auch … Ruhe geben. Uns und den anderen.

Gerade, weil wir dort nichts zu tun haben, kann das Warten etwas für uns tun – es bringt uns in Kontakt mit dem Ungeplanten und Überraschenden; mit Momenten und Menschen, die nicht geplant waren; und mit Gedanken und Gefühlen, die in unserem Leben selten vorkommen.

Das Warten ist damit einem Geschenk deutlich näher als einem Diebstahl. Wir sollten also mehr warten statt weniger. Und auf keinen Fall sollten wir Wartezeit zurückweisen. Die Sprache liefert dafür übrigens wie immer einen guten Hinweis: Die zweite Bedeutung von „warten“ lautet gemäß Duden „pflegen, instand halten“. Probieren Sie es aus.

Und dann warten Sie ab, was passiert…